Geschichte - Vom Gymnasium i.E. Sudetenstraße zum ASG mit bilingualem deutsch-spanischem Zweig

1986 – 1990 Die bewegten Jahre – Krise und Wendepunkt

Das Jahr 1986 ist im oben beschriebenen Zusammenhang geradezu als prototypisch anzusehen. Auf der einen Seite wurden beeindruckende und durchaus öffentlich beachtete Ergebnisse schulischen Arbeitens und Lernens erzielt. So reüssierte die Theater-AG auf der Bühne des Bürgerhauses mit dem mehrfach aufgeführten Stück „Peterchens Mondfahrt", dem ersten von mehreren großen Theaterprojekten am ASG, an dem Lehrer, Schüler und Eltern auf und hinter der Bühne mitwirkten, so dass der „Kölner Stadtanzeiger“ titelte: “Mathelehrer als Sandmännchen“.

Der Weihnachtsbazar erzielte das auch in der Presse stark beachtete „Rekordergebnis“ von 13000 DM, die unserem Schulprojekt in Simbabwe zugute kamen. Beide Projekte waren Ergebnisse ausgesprochen enger und fruchtbarer Zusammenarbeit zwischen allen am Schulleben beteiligten Gruppen. Auf der anderen Seite geriet die gesamte Schulgemeinde durch die heftig geführte Auseinandersetzung um den neu aufgestellten Schulent-wicklungsplan in helle Aufregung und nachgerade in existenzielle Nöte; denn dieser Schulentwicklungsplan führte zu einer nie dagewesenen Schulstandortdiskussion im gesamten Stadtgebiet. Im Kern ging es um die Alternative, ob beide Hürther Gymnasien in Zukunft lebensfähig sein könnten, oder ob es zu einer Fusion im Gebäude an der Sudetenstraße kommen sollte, um damit gleichzeitig Platz zu schaffen für die stark gewachsene Realschule, die dann in das Gebäude an der Bonnstraße einziehen könnte.

Mehr oder weniger offen wurde aber auch das Gerücht gehandelt, dass das Gymnasium Sudetenstraße in eine Gesamtschule umgewandelt werden könnte, um die Hürther Schullandschaft um ein attraktives Angebot zu er-weitern und damit gleichzeitig die oben genannte Alternative eindeutig zu klären. Auf einem sog. „Hearing“ am 10. November 1986 kam es im völlig überfüllten Sitzungssaal des Kreishauses zu einer hochexplosiven „Verbalschlacht“(so das „Hürther Wochenende“ vom 12.11.86) zwischen Gegnern und Befürwortern der Fusion.

Schulleiter Kirsten sprach sich eindeutig für die Fusion der beiden Gymnasien aus, da nur so ein qualifiziertes Angebot, vor allem in der Oberstufe, und ein entsprechendes Niveau zu gewährleisten sei. Schulleiter Dr. Draaf dagegen trat vehement ein für den Erhalt „seiner“ Schule, die schließlich auf eine 25-jährige Tradition zurück-blicken und durchaus alleine existieren könne.

asg4_400 Die Entscheidung des Stadtrates vom Dezember 1986, die die Selbstständigkeit der beiden Gymnasien garantierte, allerdings mit dem Auftrag zur Kooperation, stürzte unsere Schule in eine echte Krise, zumal das Thema „Gesamtschule“, wie sich später zeigen sollte, keineswegs vom Tisch war.

Das labile Gleichgewicht der Schulleiter der beiden Gymnasien war nach den Auseinandersetzungen um das Schulkonzept in Hürth erheblich gestört:

Links Dr. Draaf und Gerhard Kirsten

 

In dieser Situation offenbarte sich sozusagen aber auch eine Art „Geburtsfehler“ und ein bis dahin nicht über-wundenes Rechtfertigungssyndrom des Gymnasiums Sudetenstraße, das offensichtlich darin bestand, dass es ungerechter Weise – so empfanden es jedenfalls die handelnden Personen – bei den Hürther Bürgern als Ableger, als Filiale, als „kleiner Bruder“ des Gymnasiums Bonnstraße angesehen wurde, schließlich sollte es ursprünglich ja Gymnasium Hürth II heißen, und außerdem bestand die „Filialleitung“ aus ehemaligen Mitgliedern der „Haupt-geschäftsstelle“. Hinzu kam, dass sich die Schule mehr unbewusst als bewusst bis dahin unnötigerweise über die Abgrenzung zum Nachbargymnasium definierte, ohne dabei das eigene Profil unabhängig davon zu schärfen und entsprechend hervorzuheben. Dies zeigen nicht zuletzt die Protokolle der Schulmitwirkungsorgane. Selbst die ersten Versuche und Anregungen der Schule einen Namen zu geben, waren stets dadurch motiviert „sich abzu-grenzen“ und dadurch eine eigene Identität zu finden. Ein Phänomen, das durchaus typisch und weit verbreitet ist bei Systemen jedweder Art, die sich in vergleichbarer Situation befinden.

Aber da eine Krise in des Wortes Bedeutung (negativer) Höhepunkt und Wendepunkt zugleich ist, ging das Gymnasium Sudetenstraße aus dieser Situation letztendlich gestärkt und mit neuem Schwung hervor. Nach dem ersten Schock und einer kurzen Phase der Enttäuschung setzte eine offensive Auseinandersetzung mit der Entscheidung des Schulträgers ein, die zu einer Neuorientierung und Identitätsfindung führte, die heute noch wirksam ist und gelebt wird.

Zielstrebig und gewohnt engagiert arbeitete das Kollegium an einer Profilgebung für die Schule, indem bewährte Dinge verstärkt und neue Ideen verfolgt wurden. Theateraufführungen, Musikveranstaltungen und Feste wurden bewusst als identitätsstiftende Ereignisse verstanden.

Die nach wie vor guten Leistungen der Schülerinnen und Schüler wurden auch als Resultat gemeinsamer An-strengungen und positiven Lernklimas gewertet, das bis heute kennzeichnend für das ASG ist. Ein Coup be-sonderer Art gelang im Herbst des Jahres 1988. Am 19.9.88 beschloss die Lehrerkonferenz auf Initiative von Engelbert Wefers die Einführung eines bilingual deutsch-spanischen Zweiges zu beantragen, was am 5.10 durch die Schulkonferenz bestätigt wurde. Bereits am 9.11. gab der Stadtrat und am 14.11. die Bezirksregierung „grünes Licht“. Als am 25.11.88 auch das Ok aus dem Kultusministerium kam, formulierte Schulleiter Kirsten mathe-matisch, was in wenigen Wochen geschehen war: “Dieses Verwaltungstempo konvergiert gegen die behördliche Lichtgeschwindigkeit.“ Ein Bonmot, das ausdrückte, was alle empfanden.

Mit dieser sprachlichen Schwerpunktsetzung . der ersten ihrer Art ind der BRD - zeigten die Verantwortlichen eine erstaunliche Risikobereitschaft und Innovationsfreude. Im Sommer 1989 startete die erste bilinguale deutsch-spanische Klasse 5.

Von nun an erhielt das Gymnasium Sudetenstraße mehr und mehr ein unverwechselbares Gesicht. Und nur aus einem Gefühl der eigenen Stärke und Individualität heraus konnte es gelingen, den größten Angriff auf die Existenz unserer Schule im Sommer 1990 abzuwehren.

In einem erneuten Bedarfsfeststellungsverfahren nach 1985 zur Errichtung einer Gesamtschule hatte die Mehrheitsfraktion des Hürther Stadtrates in einem Fragebogen für die Eltern der Grundschulkinder als potentiellen Standort das Schulgebäude an der Sudetenstraße genannt. Dies hätte bedeutet, dass nach und nach das Gymnasium Sudetenstraße mit der zukünftigen Gesamtschule verschmolzen wäre. In einer zuvor so nie erlebten Geschlossenheit und Entschlossenheit demonstrierten 500 Schüler, Eltern und Lehrer bei der Schulausschuss-Sitzung vom 13.8.1990 ihre Bereitschaft, mit allen Mitteln gegen diese geplante Maßnahme der Stadt vorzugehen. Hauptargumente waren die steigenden Schülerzahlen, der bilinguale Zweig und das offenkundige „Wir-Gefühl“ am Gymnasium Sudetenstraße. Wenn im Endeffekt auch die Tatsache ausschlaggebend war, dass die erforderliche Zahl an Elternstimmen für die Einrichtung einer Gesamtschule nicht erreicht wurde, und deswegen das Thema Gesamtschule und damit auch die Standortfrage ein- für allemal für Hürth beendet war, so hatten wir alle doch das Gefühl gewonnen zu haben, ein ungewohntes und schönes Gefühl.

Auf diese Weise wurden die Jahre 1989/1990 nicht nur für die BRD und die DDR zur Wendezeit.
Und Deutschland wurde wieder Fußballweltmeister.

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